Rechtsextreme Strukturen in Leipzig:
Der folgende Artikel vom Sommer 2008 ist nicht mehr ganz aktuell und soll in Kürze überarbeitet werden:
Jahrelang veranstaltete der Hamburger Neonazi Christian Worch zwei mal jährlich Demonstrationen in Leipzig mit Teilnehmerzahlen zwischen mehreren Hundert und zuletzt noch 36 Personen aus der rechtsextremen Szene. Er selbst ist in der rechten Szene nicht unumstritten, gerade was die Anmeldung seiner häufigen Demonstrationen anbelangt, die ihm den Vorwurf des "Demo-Tourismus" einbrachten.(1) So waren bei seinen letzten Aufmärschen zumeist Rechtsextreme aus dem Leipziger Umland anwesend, führende Neonazis der Leipziger Szene "boykottierten", wie sich Worch selbst beklagte, zumindest seine vorerst letzte Demonstration in Leipzig mit 36 TeilnehmerInnen am 21.07.2007.(2)
Nach dem Rückzug Worchs aus Leipzig scheint das tatsächliche und besorgniserregende Rekrutierungspotential von Leipziger Neonazis und deren regionale Vernetzung immer sichtbarer zu werden. Der Verfassungsschutz rechnet ca. 300 Personen in Leipzig zum Bereich des organisierten Rechtsextremismus hinzu, die in zum Teil losen Gruppenstrukturen zusammenkommen.(3) Als Mitte der 1990er Jahre mehrere rechtsextreme Gruppierungen wie die "Nationale Liste" (NL), die "Freiheitlich Deutsche Arbeiterpartei" (FAP) und die "Nationalistische Front" (NF) verboten wurden, entwickelten die Neonazis die Organisationsform der "Freien Kamerdschaften", an deren Entwicklung Christian Worch maßgeblich beteiligt war. Es ist ein Konzept der "Organisation ohne Organisation" aus lokalen Verbindungen ohne Parteistatut und Mitgliederlisten Dadurch ist einerseits die Kontrolle und ein gezieltes Vorgehen schwierig und es ermöglicht andererseits den Rechtsextremen sich sehr schnell regional und überregional zu vernetzen. Alle Kameradschaften haben einen gemeinsamen ideologischen Nenner, der rassistisch, antisemitisch, antiamerikanisch, antidemokratisch, antipluralistisch, antiindividualistisch, antiemanzipatorisch oder kurz gesagt menschenverachtend ist.
In Leipzig treiben ihr Unwesen: die "Freien Kräfte Leipzig" (FKL), die für mehrere gewalttätige Übergriffe verantwortlich sind, die "Kameradschaft Schönefeld", die sich zur Schulung von "Kameraden" verpflichtet fühlt.(4) und Mitglieder der "Aryan Brotherhood Germany", die einen Laden mit Bar sowie einen Trainingsraum in Leipzig-Mockau betreibt und sich als "Security" für einschlägige Veranstaltungen buchen lässt.(5) Die Bruderschaft hat sich bislang (Stand: Oktober/November 2007) noch nicht in die Leipziger Naziszene integrieren können.(6)
Die FKL bestehen aus einem harten Kern von 15 Personen, von denen die Ältesten Mitte 20 sind. Bei Aufmärschen haben sie ein hohes Mobilisierungspotential aus dem Umfeld der Kameradschaft. FKL-Transparente und ihre Fahnen mit der weißen Frakturaufschrift ”Leipzig” oder ”Schkeuditz” auf schwarzem Hintergrund sind auf vielen Demonstrationen zu sehen. Bei der Entstehung der Leipziger "Freien Kräfte" spielte Schkeuditz und die dortige Naziszene wohl eine entscheidende Rolle.(7) Die meisten "Aktiven" der FKL wohnen heute (?) im Leipziger Osten und in Lößnig.
Teilweise eng verbunden mit der Naziszene in Leipzig bzw. identisch ist ein gewisses Umfeld der Hooliganszene vor allem von Lok Leipzig. Hier können z.B. erwähnt werden: die "Blue Caps LE", die schon mal die "Security" bei NPD-Veranstaltungen übernehmen, die "Scenario Lok '05" oder "Blue Side Lok".(8)
Doch auch beim Stadtrivalen Sachsen Leipzig finden sich neonazistische "Fangruppierungen". Hier sind z.B. die "Metastasen Chemie Leipzig" zu nennen, die bereits mit rassistischen und antisemitischen Sprechchören auffielen. Ebenso griffen sie Fans an, die sich offen gegen Rassismus positionierten. 15 Personen der "Metastasen" haben mittlerweile aufgrund dieser Vorfälle Stadionverbot.(9)
Daneben gab und gibt es mehrere Läden, die einschlägige Nazi-Klamotten anbieten, wie das "Untergrund" in der Kolonnadenstrasse, das "Miss Liberty" und "Mc-Trend" in der Innenstadt, das "Boombastic" im Grünauer Alle-Center sowie das "Thønsberg" am Hallischen Tor/Ecke Richard-Wagner-Straße.(10)
Unter den rechtsextremen Parteien ist besonders die NPD in Leipzig aktiv, sei es durch den Landesverband Sachsen oder den eigenen Leipziger Kreisverband, der einmal monatlich diverse Vortragsreihen durchführt. Des Weiteren werden eigene Publikationen wie die "Deutsche Stimme" und die "Sachsen Stimme" verteilt und ausgelegt. Bei der letzten Landtagswahl konnte die NPD auch in Leipzig einen enormen Stimmenzuwachs verzeichnen. "Mit Stand Jahresende 2006 hat[te] der NPD-Kreisverband Leipzig über 100 Mitglieder, Tendenz steigend, und einen ebenso großen Sympatisantenkreis. Bewährt hat sich der gute Kontakt zu Freien Kameradschaften in und um Leipzig, die regelmäßig an Vortragsveranstaltungen teilnehmen oder für Schutz und Sicherheit sorgen."(11) Zusätzlich ist auf ihrer Homepage zu lesen, dass die NPD einmal jährlich einen Ausflug zu "Stätten der deutschen Geschichte" veranstaltet. Diese Ausflüge stehen unter dem Motto "KRAFT UND FREUDE TANKEN" (Großschreibung im Original, Anm. d. Verf.).2 Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Treffen zur nationalistischen Heroisierung deutscher Geschichte oder sogar zur Geschichtsklitterung oder -verfälschung genutzt werden.
Die DVU, die bei den letzten Wahlen in Leipzig nicht angetreten ist, hat keinen eigenen Kreisverband in der Stadt, sie führt jedoch einmal im Monat einen Stammtisch durch und verteilte im November 2007 ihre Publikation "Nationalzeitung"
Die Republikaner traten wie die DVU zwischen 2004-2007 nicht bei den Wahlen in Leipzig an, haben aber seit 2007 einen eigenen Kreisverband.(12)
(1) Kraske/Werner, ...und morgen das ganze Land, Freiburg 2007, S. 140.
(2) GAMMA Heft 179 (August/September 2007), S. 3.
(3) Rechtsextremismusbericht der Stadt Leipzig 2006/07, S. 3.
(4) Rechtsextremismusbericht der Stadt Leipzig 2006/07, S. 6f.
(5) GAMMA Heft 180 (Oktober/November 2007), S. 1.
(6) GAMMA Heft 180 (Oktober/November 2007), S. 1.
(7) GAMMA Heft 176 (März 2007), S. 1ff.
(8) GAMMA Heft 178 (Juni/Juli 2007), S. 2 und Heft 179 (August/September 2007), S. 1f.
(9) http://www.bunte-kurve.de/?p=56#more-56
(10) www.ladenschluss.blogsport.de/ueber-uns/ (Stand: 06.04.2008).
(11) Zitiert nach der Internetpräsenz der NPD Leipzig (Stand: 06.04.2007)
(12) Rechtsextremismusbericht der Stadt Leipzig 2006/07, S. 5f.