Reudnitz
Der folgende Text vom Frühjahr 2008 spiegelt die Stimmungen und die Ereignisse nach den Neonaziüberfällen in Reudnitz wieder.
Rechtsextreme Überfälle, Angriffe und Propagandaaktionen in Reudnitz:(1)
"Wie überall in Deutschland, so muss auch in Leipzig festgestellt werden, dass in den letzten Jahren eine Zunahme rechtsextremer Übergriffe zu verzeichnen [...] ist.“ Mit diesem Satz beginnt der Extremismusbericht 2006/07 der Stadt Leipzig. Nach Angaben von RAA und AMAL, den beiden Beratungsstellen für Opfer rechtsextremistischer Übergriffe in Sachsen, stieg die Anzahl der Übergriffe(2) von 208 im Jahr 2006 auf 306 im Jahr 2007. Das ist eine Zunahme von fast 50% ! Zusätzlich muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Mit 74 bekanntgewordenen Fällen nimmt Leipzig dabei in Sachsen eine traurige Spitzenposition ein.(3)
In der Nacht des 22. November 2007 griffen ca. 40 Personen ein Haus in der Holsteinstraße 15, im Leipziger Stadtteil Reudnitz, mit Leuchtraketen an und skandierten Parolen wie "Rotfront verrecke" und "Juden raus". Verletzt wurde glücklicherweise niemand, doch der Schock saß tief. Die meisten Täter konnten entkommen, von einigen nahm die Polizei die Personalien auf. "Grund" für den Angriff könnten Nazischmierereien und die Kommentierung selbiger gewesen sein, die zuvor von Unbekannten an die Häuserwand gesprüht wurden, vielleicht störte die Nazis aber auch allein die physische Existenz der BewohnerInnen.
Im selben Haus schlug in der Nacht zum 2. Januar 2008 eine Silvesterrakete ein. Blöder Zufall? Oder gezielter Angriff? Am 12. Januar fand eine Nazi-Demonstration in Reudnitz statt, deren Route an dem genannten Haus vorbeiführte, vor dem auch die Zwischenkundgebung stattfinden sollte. Anmelder der Demonstration war Istvan R., ein einschlägig bekannter Nazi, der den Freien Kräften Leipzig (FKL) zuzuordnen ist. Er selbst wohnte zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Meter von dem Haus in der Holsteinstrasse entfernt. Nachdem die Stadt Leipzig die Route und die Zwischenkundgebung trotz eindringlicher Bitten der HausbewohnerInnen, nicht verbot oder umleitete, führte das am Demotag zu kreativem und friedlichen Protest seitens der BewohnerInnen der Holsteinstraße 15. Kurzum drehten sie die Musik an und zeigten so den vor ihrem Haus versammelten Neonazis, was sie von ihrer menschenverachtenden Ideologie halten. Die Polizei unterband diese Form des friedlichen Protests mit einem rigorosem und zu einigen Debatten führenden Durchgreifen, so dass die Kundgebung danach stattfinden konnte.
Am 19. und 20. Januar kam es zu erneuten Übergriffen auf das Haus. Sechs Vermummte versuchten sich in der Nacht des 20. Januar gewaltsam Zugang in eine der Wohnungen zu verschaffen. Als dies den Angreifern nicht gelang, zündeten sie Böller im Hausflur und warfen einen durch den Briefschlitz, Glücklicherweise wurde niemand der HausbewohnerInnen verletzt. Bislang konnte die Polizei die Täter nicht ermitteln.
Im März wurde – wie bereits einmal im Vorjahr – die Fensterscheibe des „Bunten Ladens“ in der Geyerstrasse durch einen Steineinwurf erheblich beschädigt. Der Vorfall wurde zur Anzeige gebracht, konnte jedoch bislang nicht aufgeklärt werden. Eine Umfrage unter den Anwohnern führte zu keinerlei Ergebnissen.
Die Projekte des „Bunten Ladens“ werden weitergeführt. Der materielle Schaden ist jedoch beträchtlich, auch wenn momentan noch die Versicherung dafür einsteht. Schwerwiegender ist jedoch die Verunsicherung der Menschen, die dort einen Ort der Geborgenheit vorfinden sollten.
Mit ähnliche Verunsicherungen werden die Betreiber der „Bunten Gärten“ konfrontiert, einem weiteren Projekt, das der Integration dienen soll. Die Grundstücksgrenzen werden regelmässig verletzt: einmal indem die Zäune beschädigt werden, zum anderen dadurch, dass Müll auf das Grundstück geworfen wird, als vorgeblicher Beweis für die „Unordentlichkeit der Ausländer“.
Andere verbale Angriffe oder sachbeschädigende Übergriffe auf ausländiche Mitbürger wurden in persönlichen Gesprächen mit deutlich, jedoch ebenso die Angst vor erneuten Vorfällen, weswegen die Betroffenen baten, nicht persönlich genannt zu werden.
(1) Die Liste erhebt keinen Anspruch auf vollständige Dokumentation.
(2) Die Beratungsstellen zählen hierunter ausschließlich Vorfälle von Körperverletzungen,Nötigungen, Bedrohungen, Brandstiftungen sowie Sachbeschädigungen, mitdenen zielgerichtet Personen getroffen werden sollen.
(3) Presseerklärung, RAA AMAL